Volltext : Report by a courier of the Dutch 'Kindercomité' regarding the situation in Vienna

Amsterdam, 7. Januar 1939 Samstagmorgen, 31. Dezember 1938, wurde ich nach Wien entsandt als Kurier des niederländischen Kindercomité. Entsprechend meinen Anweisungen ging ich zum Gebäude der Quäker in der Singerstraße 16, um mich mit Herrn Lipopsky zu einer Unterredung zu treffen, der die Abteilung für Kindertransporte nach England und den Niederlanden leitet, der jedoch nicht anwesend war.

Darum besuchte ich zunächst Herrn Gildemeester, für den man mir eine Nachricht mitgegeben hatte. Er war jedoch nicht bereit, über irgendetwas zu reden, da er annahm, die Gestapo würde alles mitbekommen und dies unangenehme Folgen für ihn haben würde.

Herr G. brachte mich zum Büro von Gildemeester, wo ich mich einige Stunden aufhielt und man mir Folgendes erzählte:

Den Auswanderungsbüros bereitet es genauso viele Schwierigkeiten, Juden über die deutsche Grenze zu bekommen, wie eine Einreise in ein anderes Land zu erhalten. Jeder Jude bedeutet für die deutsche Regierung Geld, wie sie daran kommt und mit welchen Mitteln, ist ihr egal. Selbst wenn alle Papiere in Ordnung sind, die Buße bezahlt ist usw., wurden die Emigranten am Bahnhof zurückgeschickt, und es wird versucht, noch mehr Geld von ihnen zu bekommen.

Ansonsten beklagt sich der Leiter des Gildemeester-Büros, Herr Fasal, über den Direktor der Kultusgemeinde, Herrn Löwenherz, der nach seiner Aussage den dringenden Fällen keinerlei Aufmerksamkeit schenkte (in diesem Fall rein jüdische Kinder), sondern sehr parteiisch war bei der Entscheidung, wer auf die Kindertransporte kam. Zum Beispiel bevorzugte er polnische Juden und Zionisten. Laut Herrn Fasal ist dieses auch der Grund für viele Meinungsverschiedenheiten zwischen der Kultusgemeinde und dem Gildemeester-Büro, weswegen die Zusammenarbeit besonders schlecht ist. Es passiert, dass Kinder, die in einer besonders schlimmen Situation sind und die eine Aufenthaltserlaubnis der niederländischen Regierung erhalten haben, trotzdem nicht mit dem Transport mitkommen, weil eigenmächtig ausgewählte andere ihren Platz einnehmen. Das bestimmt die Kultusgemeinde.

Das niederländische Comité geht davon aus, dass diese Kinder mit Aufenthaltsgenehmigung bereits losgeschickt worden sind und kümmert sich nicht weiter um sie. Also, nicht die dringlichsten Fälle, sondern Protektion.

Im Augenblick besteht eine der Aufgaben in der Auswanderung von 16- und 17-jährigen Jungen, da sie in ständiger Gefahr sind, in Konzentrationslager geschickt zu werden, vor allem wenn sie groß gewachsen sind. Man kann sich vorstellen, was das für sie bedeutet, wenn man bedenkt, dass sie derselben Behandlung ausgesetzt sind wie erwachsene Männer.

Am Sonntagnachmittag ging ich zur Schwedischen Botschaft und erkundete die Möglichkeiten der Auswanderung nach Schweden. Sie sind auch nicht groß. Es sind schon viele Kinder aus der Tschechoslowakei dort. Am 7. Januar fuhr ein Transport mit 100 evangelisch getauften jüdischen Kindern nach Schweden, und im Laufe des Januars organisierte die Kultusgemeinde einen weiteren Transport von Kindern.

100 Familien gehen nach Ecuador, wo sie eine Existenzgrundlage finden können.

Danach war ich noch längere Zeit im Gildemeester-Büro, wo man mir von einem großen Plan für eine Auswanderung nach Abessinien berichtete. Die Kosten belaufen sich auf £ 100000, die von England bezahlt werden würden. In Anbetracht von Mussolinis Einstellung zu den Juden und dem dortigen Klima halten viele dies für einen undurchführbaren Plan, auf jeden Fall für ungeeignet als dauerhafte Bleibe für Auswanderer.

Am Montagmorgen traf ich Herrn Lipopsky, und er erzählte mir das Nachfolgende über das Gildemeester-Büro:

Dieses Büro hat die Komitees aller Länder um die offizielle Anerkennung als Auswanderungsbüro gebeten. Keines der Komitees hat diesem Wunsch entsprochen, und deshalb versucht das Gildemeester-Büro, so unabhängig wie möglich zu werden. Auch hier spielt Vetternwirtschaft eine große Rolle. Beim ersten Transport nach Holland z. B. waren alle vom Gildemeester-Büro ausgewählten 20 Kinder die Kinder der eigenen Angestellten. außerdem nehmen sie wahllos jeden, der sich meldet, obwohl eindeutig geregelt ist, dass die Kultusgemeinde für Juden und die Quäker für die evangelisch getauften Juden zuständig sind. Dies erschwert die Arbeit, da die Kinder sich in verschiedenen Büros melden müssen, die wiederum nicht wissen, ob die Kinder mit einem Transport mitgekommen sind oder nicht.

Das Einzige, bei dem das Gildemeester-Büro der Kultusgemeinde und den Quäkern hilft, sind die Sammelpässe, mit denen die Kinder ausreisen. Die Zusammenarbeit zwischen dem Gildemeester-Büro und Herrn L. ist somit eingeschränkt, und es kann keine Rede sein von einer gemeinsamen Arbeit. Nur in den größten Notfällen nehmen sie Kontakt miteinander auf.

Herr L. machte deutlich, dass Herr G. selbst eine vollkommen vertrauenswürdige Person ist, den aber die leitenden Angestellten seines Büros als Instrument benutzen. Vor drei Wochen schied Herr G. aus dem Büro aus, weil er dort nichts mehr zu melden hatte, da sein Name und seine persönliche Beziehungen von großer Bedeutung für sie waren, haben sie ihn zurückgeholt. Sie verfügen seit einiger Zeit über die Kasse, obwohl er hoffte, das Geld am 15. Januar zurückzubekommen, was nach Herrn L.s Auffassung unwahrscheinlich ist.

Die Gestapo ist auch im Haus der Quäker gewesen und hat alle Geschäftsbücher angeschaut, was jedoch anscheinend nicht viel bedeutete, und sie wurden in Ruhe gelassen.

Manchmal stellt sich heraus, dass Kinder, die Aussicht auf einen Transport haben und auf Herr L.s Liste stehen, nicht mehr auffindbar sind. Das kommt daher, dass die Familien plötzlich aus ihren Häusern geworfen werden und dann keine feste Anschrift mehr besitzen. Dies erklärt, warum andere Kinder als die vom niederländischen Comité an Herrn L. übermittelten geschickt werden.

Dann ging Herr L. mit mir zur Schwedischen Botschaft mit Listen von evangelisch getauften jüdischen Kindern, die möglicherweise ausreisen könnten. Im Warteraum sah man erfrorene Gliedmaßen als Folge von Aufenthalten in einem Konzentrationslager, unter anderem einen jungen Mann, dessen Hände blau geschwollen waren. Er war schon zwei Mal in Dachau gewesen und lebt ständig in der Angst, nochmals verhaftet zu werden. drüber hinaus verschiedene verkrüppelte Männer (erfrorene Füße) und ein Mann mit einen vollkommen verbundenen Kopf (erfrorene Ohren). Das passiert besonders häufig, weil die Männer, nur notdürftig bekleidet mit einer Baumwolljacke, Hosen und Schuhen, kahl geschoren und ohne Kopfbedeckung, gezwungen werden, Tag und Nacht Exerzierübungen zu machen. Wer wegen der Kälte die Hände in die Tasche steckt, wird mit einem Knüppel geschlagen.

Herr L. berichtete mir später, dass bei einem Transport ins Lager 200 Männer in einen Viehwaggon geladen wurden und 5 Tage und Nächte ohne Essen und Trinken stehen mussten. Gleißende Lichter sind an der Decke des Waggons angebracht, und die Männer mussten pausenlos ins Licht schauen. Wer den Kopf wegdrehte, wurde durch Schläge wieder zum Hinschauen gebracht. Bei dem leisesten Geräusch wird in den Waggon geschossen. Die Zahl derer, die das Lager nicht lebendig erreichen, ist nicht gering. Nach der Ankunft müssen sie stundenlang exerzieren. Wenn sie über Durst klagen, wird Kaffee auf den Steinfußboden gegossen, den sie ablecken dürfen.

In dem Block der wegen Rassenschande Verurteilten bekommt jeder Mann fünf Tritte in den Bauch durch einen Schuh mit genagelter Fußsohle, viele sterben hier auch. Eine andere Quälerei besteht darin, die Beine der Männer zusammenzuschnüren und sie an die Decke zu ziehen, Kopf nach unten, anschließend lassen die Wachmänner das Seil los. Viele stürzen auf dem Steinfußboden zu Tode, jedes Mal entsteht ein Blutbad. Die Männer müssen in Reihen auf den Fußboden liegen und ihre Münder weit aufsperren. Dann wird ihnen in den Mund uriniert. Auf diesem Gebiet gibt es noch viele unbeschreibliche Variationen.

Auf Kleinigkeiten stehen als Strafe 20 Schläge mit einem nadelgespickten Stock, die nicht von einem, sondern von 20 verschiedenen Wachmännern ausgeteilt werden, sodass jeder Hieb durch einen nicht ermüdeten Arm erfolgt. Jeder Gefangene muss ein Papier unterschreiben, von dem nur ein kleines Feld für die Unterschrift zu erkennen ist; der Rest ist abgedeckt, sodass niemand weiß, was er unterschreibt. Sie müssen zusätzlich ein Papier unterschreiben, auf dem steht, dass sie nie misshandelt wurden, immer genug zu essen und trinken hatten, und womit ihnen unter Androhung des Todes verboten wird, über die Behandlung im Konzentrationslager zu reden.

Maschinengewehre sind an allen vier Ecken des Lagers aufgestellt; jeder, der sich nach Sonnenuntergang nach draußen wagt, wird umstandslos erschossen. Eine Stunde am Tag dürfen die Gefangenen miteinander sprechen; wer außerhalb dieser Zeit ein Wort sagt, bekommt Schläge. Es gibt nichts zu essen, zu wenig und verunreinigtes Trinkwasser. Geheizt wird auch nicht, obwohl die Dächer unzulänglich sind. Es sind Männer aus Dachau zurückgekommen, die 30 Pfund in einer Woche verloren haben.

Im Fall des Todes werden die Familien benachrichtigt, um die Urne abzuholen; die Leiche selbst wird nie ausgehändigt.

Es existiert auch ein Konzentrationslager für Frauen, das von Männern bewacht wird. Was das bedeutet, kann man sich vorstellen. Nicht selten werden 12- bis 14-jährige jüdische Mädchen von SS- oder SA-Männern vergewaltigt. Die Chancen für diese Kinder zur Auswanderung sind natürlich äußerst niedrig, weil man die Folgen der Gewaltanwendung abwarten muss. Dennoch sind einige von ihnen nach England gebracht worden.

All diese Geschichten sind mir von Herrn L. berichtet worden, er selbst ein Vollblut-„Arier”.

Das allgemeine Elend in Wien ist unfassbar. Es gibt Menschen, die seit Wochen kein Dach über dem Kopf hatten und von Tür zu Tür wandern, und die es aus Angst vor Verhaftung nicht wagen, einen Ausreiseantrag zu stellen. Andere, die keinen Pfennig mehr besitzen, können bei der Kultusgemeinde Essen holen für 15 Pfennig pro Tag.

Aus einer Statistik des jüdischen Friedhofs in Wien geht hervor, dass in den ersten Wochen nach dem 10. November 130 Tote pro Tag beigesetzt werden mussten. Viele Friedhöfe wurden in die Luft gejagt, und die Leichen lagen offen herum, bis die Juden selber sie mit Stroh bedeckten. Die Zahl Juden, die am 10. November und danach getötet wurden, lässt sich nicht schätzen; man spricht von Hunderten.

Die niederländische Regierung hat grüne Ausweise für erwachsene Juden ausgestellt, mit denen sie, wenn sie einen gültigen Pass haben, die niederländische Grenze passieren dürfen. Diese Ausweise sind nur drei Wochen gültig. Um nach Wien zu kommen, brauchen sie 4-5 Tage. Da die Beantragung eines Passes ohne Ausreisemöglichkeit sinnlos ist und es außerdem mindestens drei Wochen bis zur Ausstellung dauert, ist die Gültigkeit des Ausweises abgelaufen, bevor man den Pass erhält. Die Gültigkeit der Ausweise kann nicht verlängert werden. So wird die Ausreise noch schwieriger, weil ein erneuter Antrag chancenlos ist. Die Ausweise sollten mindestens sechs Wochen gültig sein, da es manchmal zu Verzögerungen kommt aufgrund nicht bezahlter Steuern oder Strafgelder.

Die verschiedenen Büros in Wien sind alle überzeugt davon, dass Österreich von den Niederlanden stiefmütterlich behandelt wird, weil die Anzahl österreichischer Kinder in Bezug auf die Gesamtzahl aller ausgewanderten Kinder besonders klein ist, obwohl die Not in Österreich sicherlich nicht geringer ist.

Das Motto der Wiener Gestapo lautet: „Die Juden sollen nicht verreisen, sondern verrecken."