Volltext : Report from 'L’Univers Israélite' regarding the suicide of two Austrian refugees

Die Lage der Emigranten Aus L’Univers Israélite vom 3. Februar 1939, No. 20

Selbstmord zweier österreichischer Flüchtlinge

Herr Leopold Lipschütz, 69 Jahre, hatte nach dem „Anschluss” Wien verlassen müssen, wo er die „Kronenzeitung” leitete, ein Organ, das die Politik des Kanzlers Schuschnigg verteidigte, mit dem er überdies befreundet war. Er kam mit seiner Frau, Frau Therese Lipschütz, 58 Jahre, und seinem Sohn Franz, 24 Jahre, nach Nizza, um sich dort niederzulassen, und bezog nach mehreren Monaten im Hotel im Oktober eine Wohnung am Boulevard Victor Hugo; der junge Mann lebte ganz allein in einer Familienpension.

Der Journalist fand sich mit diesem Leben im Exil sehr schlecht ab. Er hatte mehrmals gegenüber anderen politischen Flüchtlingen erklärt, dass er es überdrüssig sei, so zu leben, das heißt mit dem Gedanken, dass sein Land unter dem Joch der Nazis war. Er ließ seine Frau an seiner Verzweiflung teilhaben, und alle beide wurden tot, mit Barbituraten vergiftet, in ihrem Zimmer aufgefunden. Bevor er sein trauriges Vorhaben ausführte, hatte Herr Leopold Lipschütz mehrere Briefe geschrieben, von denen einer, an den Polizeikommissar gerichtet, als Ursache seines verhängnisvollen Entschlusses die Situation seines Landes infolge des „Anschlusses” bezeichnete und außerdem, weil er sehr oft bedroht worden war. Der Verzweifelte war in der Wiener Gesellschaft sehr bekannt. Er war der Vorsitzende der „Concordia”, einer Gesellschaft, der die besten Schriftsteller und Journalisten Wiens angehörten.