Aus den nachstehenden Briefauszügen gehen die Erlebnisse eines zwölfjährigen jüdischen Kindes in Wien im Winter 1938/39 hervor.
Februar 1939
Liebe Schwester,
Ich komme noch mit einer großen Bitte. Aus Wien bekam ich sehr, sehr traurige Briefe und zwar folgende. Vor ca. zehn Tagen einen, geschrieben von einem Mädelchen, das zwölf Jahre alt wird, ich hatte Dir wohl schon von ihr erzählt, sie war mit ihrer Schwester nach England gekommen und wurde von einer Bekannten wieder zurückgerufen, da die Kinder von Martha (einer Cousine ihres Vaters) sehr schwer erkrankten. Der kleine Junge wurde gesund, es starb aber das kleine Mädel von vier Jahren, von der ich Dir das Bildchen einmal zeigte. - Leni schrieb mir nun, dass das Kind gestorben ist und Martha nichts essen will, niemand sehen, nicht einmal den kleinen Jungen.
Ich schrieb ihr einen Trostbrief und bekam gestern einen noch traurigeren Brief, auch von dem Mädel geschrieben. Martha liegt im Krankenhaus, hat einen Nervenzusammenbruch, und zwar ist es nicht der Tod des kleinen Mädchens allein, sondern sie schrieb mit folgenden Worten: „Wir hatten bier sehr heiße Tage und mussten zur Abkühlung einen Tag und eine Nacht im Keller verbringen. Als wir wieder herauskamen, waren Einbrecher da gewesen und hatten alles gestohlen, Geld, Wäsche, Kleider, Schmuck, selbst die Sachen von dem Kleinen, und darauf bekam Tante Martha den Zusammenbruch."
Sie haben nichts, als was sie auf dem Leibe tragen. Nun kommt meine Bitte, hast Du von deinem Mädel, was sie absolut nicht mehr tragen kann, und auch von Dir, was Du nicht mehr trägst, so schicke es an Martha, es ist eine große Mizweh, ich glaube bestimmt, dass Dein Mann damit einverstanden ist.
Das Mädel muss nun den Jungen betreuen, tagsüber sind sie bei Bekannten, und nachts schläft sie mit dem Jungen allein in der Wohnung. Ist dies nicht ein furchtbares Trauerspiel?...
Wien, Februar 1939
Sehr geehrte Frau Z.,
Ich erlaube mir, im Namen meiner Tante Martha Ihnen für das Paket herzlich zu danken. Meine Tante ist sehr krank und liegt im Spital. Aber vor allem will ich mich erst bei Ihnen vor stellen, damit Sie wissen, wer ich bin. Mein verstorbener Papa und Tante Martha waren Cousins. Ich bin elfeinhalb Jahre all und heiße Leni und bleibe jetzt immer bei meiner Tante, weil meine Mama auch vor einigen Wochen gestorben ist. Ich werde das Paket aufbewahren, bis Tante Martha nach Hause kommt. Dann wird sie Ihnen selber schreiben. Sie ist vor lauter Aufregung krank geworden. Im Oktober ist mein Papi gestorben, sechs Wochen später meine Mami. Der Onkel Jacob ist auch schon seit voriges Jahr im Mai fort, ich kann Ihnen nicht schreiben, wo er ist. Im Jänner ist Sonja gestorben, das war von Tante Martha das Mädel. Sie war vier Jahre alt. Tante Martha hat aber noch ein Kind. Das ist der Hans, er ist eineinhalb Jahre alt. Jetzt ist noch etwas passiert, ich kann Ihnen nicht alles schreiben, das war zuviel für die Tante. Sie hat mir oft von Ihnen erzählt, Sie hat Sie sehr gerne.
Sie hat immer so lieb von Ihnen gesprochen. Und Bilder von Ihnen und Ihrem Töchterchen hat sie mir gezeigt. Also nochmals vielen Dank, es grüßt Sie bestens,
Leni und Hansi
Ich geh morgen ins Spital, hoffentlich kann Ihnen die Tante schon selber schreiben.
Wien, 10. März 1939
Meine liebe gute Tante,
Deinen lieben Brief habe ich erhalten. Und ich danke Dir vielmals, dass Du mir erlaubst, dass ich [zu] Dir Tante sagen darf. Ich habe Dich auch lieb und die Tante Anna auch, weil Tante Martha Euch lieb hat. Sie ist leider noch sehr krank und kann nicht selber schreiben. Ich und Hansi sind bei einer Frau im selben Haus. Ich will nicht mehr auf Hansi aufpassen. Er ist sehr schlimm. Er lässt sich nicht von mir waschen und anziehen. Er beißt und kratzt mich immer und schreit immer nach der Mama. Ich gehe zur Schule. Die Frau Lehrerin hat mich gerne. Die Sachen, die Du geschickt hast, werden Tante Martha passen, weil sie ist sehr mager geworden. Mir sind die Sachen zu groß, aber Tante Martha wird mir alles richten, bis sie gesund ist...
Wien, März 1939
Liebes gutes Tanterle,
Deine Karte ist gestern angekommen. Die Adresse vom Spital kann ich Dir nicht schreiben. Liebe Tante, ich werde Dir die Wahrheit schreiben, trotzdem Tante Martha es mir verboten hat. Sie ist seit Januar im Landesgericht. Das, was die Tante Berta geschrieben hat, das beruht auf Wahrheit, dass Einbrecher hier waren und uns alles gestohlen haben. Die Tante hat in der Aufregung einige unbedachte Äußerungen gemacht, und deshalb ist ihr dieses Unglück passiert.
Ich kann Dir nicht alles so schildern, wie es war, das muss man selbst sehen, um es zu verstehen. Ich hätte es Dir nicht geschrieben, aber weil Du die Adresse vom Spital wissen wolltest. Tante Martha darf es nicht wissen, dass ich Dir die Wahrheit geschrieben habe, und Tante Berta auch nicht. Ich gehe jeden Mittwoch zu ihr. Ich lege Dir ein Zetterl von ihr bei, das sie mir zugesteckt hat. Bitte nochmals, verrate mich nicht, dass Du alles weißt.
Viele Busserl Leni.
Bitte schreibe keine Karte mehr, nur Briefe, weil die Frau, bei der ich wohne, liest sonst alles.
„Vielen Dank für die schönen Sachen und viele Grüße und Küsse Martha.
Ich bin im Spital und kann nicht mehr schreiben."
Wien, März 1939
Liebe Tante,
Ich send Dir einen Brief von meiner Tante. Hansi ist jetzt immer bei Frau F., bis die Tante nach Hause kommt.
Viele Busserl von Leni.
Aus dem Gefängnis, März 1939
Mein liebes gutes Tantchen,
Gestern war mein Lenchen bei mir und hat mir eingestanden, dass sie Dir die ganze Wahrheit geschrieben hat. Liebe Tante, wirst Du jetzt schlecht von mir denken? Ich weiß nicht, ob Leni Dir alles genau geschrieben hat, ich kann hier nicht soviel mit ihr sprechen. Man hat uns alles weggenommen, wir sind nur mit dem, was wir auf dem Leibe gehabt haben, dagestanden, ich habe in der Aufregung einige Worte gesagt, die ich nicht hätte sagen sollen, und deshalb bin ich schon drei Monate hier. Denke deswegen nicht schlecht von mir. Schau, liebes Tanterl, Dein Bruder war doch auch voriges Jahr 13 Wochen hier, wo ich bin, das weißt Du doch, und deswegen war er auch nicht schlecht. Ich danke Dir viel tausendmal für die schönen Sachen, wenn ich sie nicht hätte, so müsste ich immer in einem Kleid herumgehen. Sie passen mir sehr gut, nur die Schuhe sind mir zu groß, aber ich kann sie auch tragen. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich mich gefreut habe mit den Sachen und hauptsächlich, weil sie von Dir sind.
Ich habe immer an Dich gedacht. Sei mir nicht böse, dass Leni Dir geschrieben hat, dass ich im Spital bin, ich habe mich geschämt, Dir die Wahrheit zu schreiben. Bitte schreibe der Tante Berta nichts davon. Wenn ich auch hier bin, so verzage ich trotzdem nicht, und ich hoffe, dass ich in kurzer Zeit bei meinem geliebten Buberl sein werde. Leni ist ein gutes Kind, wenn ich sie nicht hätte, so wäre ich ganz verlassen. Ich werde sie deswegen immer bei mir halten. Ich würde mich freuen, wenn Leni mir am Mittwoch von Dir einen Brief bringen würde. Sie kommt jeden Mittwoch zu mir. Tausend Grüße und Küsse
Deine Martha.
Grüße Deinen Mann und Tochter und Tante Anna herzlich.
Ich sende Dir eine Aufnahme von mir, sie ist von hier und ist nicht gut. Den Brief gebe ich Leni mit. Hoffentlich kommt er gut an. Bitte nochmals, sage der Tante Berta nichts davon.
Wien, April 1939
Liebes gutes Tanterle,
Habe Deinen Brief erhalten. Das Paket habe ich noch nicht, aber das dauert immer länger. Ich werde Dir gleich schreiben, wenn es kommt. Dieses Mal war es nicht möglich, einen Brief von Tante Martha beizulegen. Der „Onkel” hat zu gut aufgepasst. Sie darf weder schreiben noch Briefe empfangen. Liebes Tanterle, Du schreibst, wir sollen Gottvertrauen haben. Ich glaube nicht an Gott. Warum hat er uns so gestraft? Ich kann Dir nicht schildern, was wir mitgemacht haben. Mir hat Gott meine lieben Eltern genommen. Mein Bruder war in demselben Erholungsheim mit Deinem Herrn Bruder voriges Jahr zusammen und ist dort gestorben. Das ist das Heim, wo die Tante jetzt ist. Das Schrecklichste war, wie die Einbrecher hier waren und uns alles gestohlen haben. Damals [waren] wir drei Tage im Keller versteckt und haben uns nicht hinausgewagt. Kann man da noch zu Gott vertrauen?
Schau liebes Tanterle, der „Onkel” ist so schlecht zu uns, ich darf in kein Kino gehen, in kein Theater, ich darf nicht in den Park gehen, manche Tage darf ich mich nicht auf der Straße zeigen. Ist das nicht genug? Ich bin noch nicht ganz zwölf Jahre, aber manches Mal glaube ich, dass ich schon 100 Jahre alt bin.
Aber jetzt will ich damit aufhören, sonst wirst Du noch böse. Hansi ist jetzt ganz bei der Frau F., sie bekommt für ihn 15 Mark im Monat von der Gemeinde, und ich esse im Mädchenhort. Hansi ist sehr schlimm, aber ein goldiger Spitzbub. Ich schicke Dir ein Bild von ihm. Er wollte nicht ruhig stehen bleiben, so haben wir ihm die Hände am Gitter angebunden. Ich habe ihn fotografiert. Im nächsten Brief schicke ich dir ein Bild von mir. Meine Tante hat einen Anwalt. Sonst weiß ich Dir nichts zu schreiben.
Deine Leni.
Wien, Mai 1939
Liebes, liebes Tanterle,
Habe Deinen lieben Brief erhalten und mit großer Freude gelesen. Ich freue mich immer, wenn Du mir schreibst. Was das Thema Gott anbetrifft, so möchte ich Dich einmal fragen, was Du Dir darunter eigentlich vorstellst. Du wirst mir zur Antwort geben, Gott ist eine unsichtbare Macht, aber man muss trotzdem daran glauben. Jetzt werde ich Dir ein kleines Beispiel schreiben. Wenn ich Dir schreibe, ich habe Dir 1000 Mark geschickt, aber Du wirst es nie erhalten, das Geld bleibt unsichtbar, wirst Du mir das glauben? Du wirst mir zur Antwort geben, Du wirst mir das glauben, bis Du es siehst. Das selbe sage ich auch. Ich glaube nur, was ich sehe. Auch schreibst Du mir, Du könntest mir Fälle schreiben, was Du gesehen hast. Liebes Tanti, das, was ich gesehen habe, hast Du sicher noch nicht gesehen. Aber nun will ich das Thema wechseln, sonst wirst Du mir noch böse.
Ich denke immer sehr viel nach über alles, und ich sage immer das, was ich mir denke. Es tut mir sehr leid, dass Du so ein schwaches Herz hast. Wenn ich bei Dir wäre, so hätte ich Dir alle Arbeit abgenommen. Ich kann schon ein bisserl kochen. Ich kann Kaffee kochen, und Powidlknödel habe ich auch schon gemacht. Ich schicke Dir ein Bild von mir, ich habe alles an, was Du mir geschickt hast. Du wirst mich auslachen, weil ich mit der Puppe fotografiert bin. Ich spiele manchmal noch gerne. Bitte lache mich nicht aus, und sei mir nicht böse. Es freut mich, dass Du zum Comité gehen willst. Vielleicht kannst Du was ausrichten. Ich wäre Dir sehr dankbar... Bitte schreibe mir bald wieder. Deine Briefe sind ein großer Trost für mich. für heute viele Grüße und Millionen Busserl
Deine Leni und Hansi.
Wien, 15. Juni 1939
Mein liebes gutes Tanti,
Heute war ein Herr hier und hat mir gesagt, Du hättest an die Kultusgemeinde geschrieben, Du hast seit Jänner keine Post von uns. Auch hat er mir einen Zettel für Tante Martha gegeben, den ich Dir beilege. Ich verstehe das nicht, wieso Du keine Post hast. Ich habe Dir doch geschrieben, und ein Bild von mir habe ich Dir auch geschickt. Der Herr war sehr böse, sagte, ich bin ein dummes Ding, dass ich nicht schreibe, und die Kultusgemeinde hätte Wichtigeres zu tun, als mit solchen Angelegenheiten belästigt zu werden. Weshalb hast Du nicht mir geschrieben? Glaubst Du mir denn nicht, was ich Dir von Tante Martha geschrieben habe? Ich werde versuchen, von dort eine Bestätigung zu bekommen, und werde sie Dir dann schicken. Aber ich bitte Dich, schreibe nicht mehr an die Kultusgemeinde. Bitte schreibe mir gleich Antwort, damit ich weiß, ob Du den Brief erhalten hast, und schreibe mir bitte auch, ob Du im letzten Brief mein Bild bekommen hast. Da habe ich den Rock, Pullover und die Kappe an, was Du mir geschickt hast. Hast Du Dich im Emigrantenbüro schon wegen Tante Martha erkundigt? Bekommen Emigranten eine Arbeitsbewilligung? Tante Martha ist Spezialarbeiterin in Buchbinderei. Ich werde nach New York fahren, und Tante Martha würde Hansi vorläufig hierlassen, damit sie dort arbeiten gehen kann. Bitte vielmals um Antwort. Hunderttausend Busserl sendet
Dir Leni.
Bitte um Antwort.
(Die Anfrage der Verwandten in Holland bei der Wiener Kultusgemeinde geschah zu dem Zweck, um festzustellen, ob die Kultusgemeinde von dem Schicksal der Familie unterrichtet sei. Augenscheinlich war man dort durchaus nicht davon informiert, wie aus dem Verhalten des Rechercheurs und dem abgegebenen Zettel hervorgeht.)
„An Martha X.
Ihre Tante, Frau Z. in A., bittet, dass Sie ihr schreiben sollen, da sie schon seit Jänner d. J. ohne Nachricht von Ihnen ist. Sie hat sich an uns, Kultusgemeinde, gewendet.
15. Juni 1939."
Aus dem Gefängnis, Juni 1939
Meine liebe gute Tante,
Ich danke Dir sehr, dass Du Dich so um mich bemühst. Ich hoffe, dass ich bald von hier herauskomme. Leni und Hansi fahren nach Amerika. Ich kann momentan noch nicht mit, weil ich am amerikanischen Konsulat nicht gemeldet bin. Leni hat mich aber schon angemeldet. Ich muss aber mindestens ein Jahr warten, bis ich fahren kann. Bitte wende Dich nicht an die Kultusgemeinde, wir wollen von solchen Leuten nichts haben. Die unterstützen nur Protektionskinder. Leni hat dreimal um Unterstützung angesucht, sie wollte mir das Geld geben, damit ich mir zubessern kann, und sie haben ihr nicht geantwortet. Ich hoffe, auch ohne ihre Hilfe nach Hause zu kommen. Ich hoffe, bald Antwort von Dir zu bekommen. Ich danke Dir für Deine Güte, vielleicht kann ich mich noch einmal für alles revanchieren. Tausend Grüße und Küsse
Martha.
Wien, Juni 1939
Meine liebe Tante,
Habe heute Deinen lieben Brief erhalten. Der Herr von der Kultusgemeinde hat mich gefragt, ob ich Dich kenne, so habe ich ihm zur Antwort gegeben, ja ich kenne Dich. Ich habe nicht gewusst, dass ich es nicht hätte tun sollen. Aber dass Tante eingesperrt ist, habe ich nicht gesagt. Das geht doch die Kultusgemeinde nichts an. Ich hole für mich und Hansi das Essen von der jüdischen Ausspeise, und die Frau, bei der Hansi ist, hat nur zweimal 10 Mark für ihn bekommen. Ich habe schon dreimal im Namen von der Tante in die jüdische Fürsorge eingereicht um eine Unterstützung, und man hat mir nicht geantwortet. Immer sagen sie, es ist kein Geld da. Glaubst Du vielleicht, dass sich die jüdische Gemeinde um ihre Leute kümmert? Man könnte wie ein Hund verrecken, und die kümmern sich nicht. Wenn ich 14 Jahre alt werde, so werde ich ganz von der Religion austreten.
Ich bitte Dich, wende Dich nicht mehr an die Kultusgemeinde, wir wollen von dort nichts wissen. Ich fahre nach New York, vielleicht schon in zwei Wochen, und wenn Tante Martha ihre Einwilligung gibt, so kann Hansi auch mit. Ich fahre mit einer Reisegesellschaft. Und in New York ist die Tante Grete. Sie hat uns angefordert. Ich danke Dir, dass Du so gut bist. Aber für mich und Hansi brauchst Du Dich nicht mehr bemühen. Wenn Du Tante Martha eine Einreisebewilligung nach Holland schicken könntest, so wären wir Dir sehr dankbar. Aber zuerst müsstest Du Dich erkundigen, ob sie dort arbeiten darf. Tante Grete hat die Sache einem Advokat in New York übergeben, und wir hoffen, dass Tante Martha bald nach Hause kommt. Also ich bitte Dich im Namen von Tante Martha, wir wollen nichts von der Kultusgemeinde. Bitte zeige der Dame vom Comité nicht den Brief. Sonst schreibt sie an die Kultusgemeinde, und wir kriegen das Essen dann auch nicht. Vielleicht könnte das Comité Tante Martha behilflich sein, dass sie ihr was schicken, damit sie sich zum Essenzubessern könnte.
Jetzt will ich Dir Deine Fragen beantworten. Meine Schwester ist sieben Jahre alt und ist seit Dezember in London. Mein Bruder Julius war 18 Jahre alt und ist in Buchenwald gestorben. Ich bin am 2. Juni zwölf Jahre alt geworden und lebe vorläufig noch. Mein guter Papi war 53 Jahre alt und ist im Oktober gestorben. Woran er gestorben ist, sagt mir Tante Martha nicht. Er war Polizeiinspektor bis März 1938. Mein liebes Muttilein war seit sieben Jahren kränklich, und der Tod meines Papi hat sie ganz zugrunde gerichtet. Sie war auch 53 Jahre alt. Mein Papi war der Cousin von Tante Martha. Die Mutter vom Papi und der Vater von Tante Martha waren Geschwister. Jetzt habe ich Dir alles geschrieben. Bis ich wegfahren werde, so werde ich Dir eine schöne Karte von Amerika schicken, und wenn ich groß bin, so werde ich Dir viele Dollar schicken. Viele herzliche Grüße und Millionen Küsse
Deine Leni und Hans.
Das Essen von der Ausspeise ist sehr schlecht. Nicht einmal die Schweine würden das fressen. So sorgt die jüdische Gemeinde für ihre Leute.