Full text: Das Stilisieren der Thier- und Menschen-Formen

134 
Griechenland fast ausschliesslich mit dem Tempel zu thun 
haben, sind es vorwiegend Götter und Heroen-Darstellungen, 
die hier ihren Platz linden. 
Die griechischen Götter und Halbgötter aber nehmen 
die einfach schöne, menschliche Form an und wirken 
dadurch auf den gebildeten Beschauer weit mehr, als dies 
durch die fantastischen, fratzenhaften Götter ungebildeter 
Völker geschehen kann, die durch ihre Colossalität und 
Hässlichkeit Schrecken einflössen, während die herrlichen 
griechischen Götterbilder durch ihre ruhige Schönheit Be­ 
wunderung und geistige Erhebung erzeugen. 
Für den feinen Sinn des Griechen ist es sehr be­ 
zeichnend, wie er die menschliche Gestalt bildete — die­ 
selbe ist zunächst ein wahres Abbild der Natur, nur ist 
alles Zufällige vermieden und dadurch in einer verall- 
gemeinei'ten Form wiedergegeben, zugleich ist aber mit 
feinem Gefühle das Schönste, was die Natur in ihrer 
Mannigfaltigkeit bietet, in harmonischester Weise an 
einem Objecte vereinigt — und so der menschliche 
Körper idealisirt. Wenn nun namentlich, was die Ver­ 
hältnisse der einzelnen Theile des menschlichen Körpers 
anbelangt, einzelne Proportionen sich anders gestalten, als 
der Durchschnitt der Messungen nach der Natur ergiebt, wenn 
sich insbesonders ein verhältnismässig kleinerer Kopf und 
Oberkörper bei griechischen Statuen nachweisen lassen, so 
zeigt dies eben von dem feinen Gefühl für das Schöne, 
das den Griechen beseelte, dass er gerade bloss jene Ver­ 
hältnisse der Natur in seinen Statuen reproducierte, die 
ihm schön vorkamen und nicht die mathematischen Durch­ 
schnittsverhältnisse des menschlichen Körpers als seine 
Norm anerkannte.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.