Full text: Das Stilisieren der Thier- und Menschen-Formen

Das Mittelalter. 
Wenn man die Kunst des Mittelalters mit jener der 
klassischen Zeit vergleicht, wird man allerdings sehr wesent­ 
liche Unterschiede finden. Im Allgemeinen legt das Mittel­ 
alter das Hauptgewicht auf die Lösung der constructiven 
Aufgaben und leistet in Überwältigung der grossen tech­ 
nischen Schwierigkeiten Ausseroi’dentliches, während die 
decorative Seite der Kunst theilweise ganz merkwürdige 
Rückschritte macht. Die antiken Traditionen hören bald 
gänzlich auf zu wirken und finden wir insbesondere in der 
altchristlichen und der romanischen Periode eine naive, 
ungeschickte Darstellungsweise, welche sich häufig wie 
jene zu Anfang einer Culturperiode gestaltet, dabei zeigt 
sich aber die Naivetät in keinem Theile der Ornamentik 
so auffallend, als bei den Darstellungen von figuralen 
und thierischen Gegenständen. In Folgendem werden 
wir Gelegenheit haben auf die grosse Verschiedenheit 
der einzelnen mittelalterlichen Perioden hinzuweisen, wo­ 
bei erwähnt werden muss, dass die altchristliche Zeit 
eine vermittelnde Rolle zwischen der Antike und dem 
eigentlichen Mittelalter spielt, während die romanische Zeit 
sich energisch von der Antike zu emancipieren beginnt und 
die gothische Periode sich zumeist als das reine Gegentheil 
der Antike erweist. 
Die neutralen Felder der altchristlichen Periode haben 
eine sehr eigenartige Decoration — das plastische Moment
        

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