Full text: Das Stilisieren der Thier- und Menschen-Formen

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besser zu eignen structive Functionen zu übernehmen, als 
dies bei den so gebräuchlichen vegetabilischen Formen der 
Fall ist; wenn wir aber die Sache ein wenig näher be­ 
trachten, werden uns verschiedene Bedenken aufstossen. 
Wenn der gebildete Beschauer eine menschliche 
Gestalt eine bedeutendere architektonische Last tragen sieht, 
so wird in ihm sofort der Gedanke entstehen: Kann man 
denn einem Menschen eine so grosse Last auf bürden, ohne 
dass er zusammenbricht? 
Der Beschauer weiss zwar sehr gut, dass diese mensch­ 
liche Gestalt aus Stein hergestellt ist, aber nachdem die­ 
selbe einen Menschen darstellt, wird er unwillkürlich 
erwägen, wie sich eine wirkliche menschliche Gestalt einer 
solchen Last gegenüber verhalten würde. Die Hervorrufung 
solcher Gedanken ist aber in der Architektur durchaus 
unzulässig — denn die Möglichkeit eines Zusammenbruches 
auch nur der Idee nach, darf absolut niemals angedeutet 
werden. Damit im engsten Zusammenhange ist die Vorstellung 
der Beicegungsfähigkeit einer animalischen Gestalt. Eine 
jede ein vollständiges Individuum darstellende Form eines 
Menschen oder eines Thieres in das starre System der 
Architektur eingefügt, kann in dem Beschauer leicht den 
Gedanken erzeugen, dass — nachdem der stützende Mensch 
bewegungsfähig ist — der Bau unfehlbar einstürzen müsste, 
wenn sich derselbe bewegen würde. Diese Besorgnis, die 
allerdings bloss in der Vorstellung des Beschauers erregt 
werden kann, wird verringert, wenn die tragende animalische 
Form ruhig stehend dargestellt wird, wird aber bedeutend 
vermehrt, wenn diese Form in Bewegung befindlich gedacht 
erscheint und zwar wird die Besorgnis um so grösser sein, 
je bedeutender die Bewegung zur Anschauung kommt. Dass
        

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