Full text: Das Stilisieren der Thier- und Menschen-Formen

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Wir können diesen Satz als einen Stilgrundsatz hin- 
steilen, wollen aber zugleich hei dieser Gelegenheit ein 
Wort über die richtige Auffassung und Behandlung von 
stilistischen Grundsätzen einfügen. In dieser Beziehung 
kann nämlich ein „zu wenig“ ebenso schädlich werden, 
wie ein „zu viel“. Wenn der schaffende Künstler die 
Stilgesetze nicht kennt oder sich über dieselben vollständig 
hinwegsetzen zu können glaubt, so wird er Werke hervor­ 
bringen, die stillos und unbrauchbar sind; es kann aber ein 
Kunstjünger auch dadurch fehlen, dass er die Stilgesetze 
in stricter, unverstandener Weise mit allen daraus entste­ 
henden Consequenzen durchgeführt haben will, dadurch 
werden Werke entstehen, die man zwar nicht stillos nennen 
kann, die sich aber durch hervorragende Nüchternheit 
charakterisieren und die ein beredtes Zeugnis der Talent- 
losigkeit des Künstlers geben werden. Liessen sich aber 
Stilgesetze aufstellen, die es einem Jeden ermöglichen 
möchten, wahre Kunstwerke hervorzubringen, dann würde 
die Kunst — keine Kunst mehr sein, sondern eine Wissen­ 
schaft, die Jedermann, der hinreichend Verstand und guten 
Willen besitzt, erlernen kann. Die aufgestellten Stilgesetze 
werden stets nur dazu dienen können, den Kunstjüngern 
die Richtung des Weges anzudeuten, den sie zu begehen 
haben, aber man wird niemals verlangen dürfen, dass die 
Stilgesetze Recepte sind, mittelst deren sich echte Kunst­ 
werke fabricieren lassen. Es ist aber gerade das vorliegende 
Thema sehr wohl geeignet als Beispiel zu dienen, wie Stil­ 
gesetze von Seite der schaffenden Künstler aufgefasst und 
behandelt werden sollen. Wir haben hervorgehoben, dass 
die ganze menschliche oder thierische Gestalt im Allgemeinen 
nicht geeignet ist in der monumentalen Architektur als 
structives Bauglied aufzutreten, damit ist aber durchaus
        

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