Full text: Das Stilisieren der Thier- und Menschen-Formen

aber weniger Karyatiden, die hier eine Rolle spielen, sondern 
zumeist sind es Atlanten-Figuren, die mit Vorliebe Verwen­ 
dung finden. Karyatiden werden, wo sie Vorkommen, in der 
Regel im antiken Sinne aufgefasst, d. h. kräftige Jungfrauen 
tragen stehend und mit Leichtigkeit, ohne sichtbare An­ 
strengung die nicht allzu grosse Last. Zu den bekanntesten 
Beispielen gehören die schwesterlich gepaarten Jungfrauen­ 
gestalten des Louvre in Paris. (Fig. 53.) Atlanten-Figuren 
aber werden in der Spätrenaissance häufig angewendet, 
und stehen in directem Gegensatz zu den antiken Karyatiden, 
denn es werden hiezu kräftig gebaute, männliche Gestalten 
verwendet, die zumeist einen Balkon oder eine Thür- oder 
Fensterverdachung zu tragen haben und von der geringen 
Last schwer gedrückt erscheinen. Die Spätzeit liebt die 
Übertreibung, diese zeigt sich an der oft übermässig betonten 
Muskulatur der Gestalten und an der energischen Bewegung, 
welche sich in der Haltung der Figuren ausdrückt. Die Last 
wird meist mit den Armen gestützt, der Körper ist nach 
vorne etwas übergeneigt und in den Hüften elastisch gebogen. 
(Fig. 54.) In den deutschen Ländern werden überdies gerne 
Hermengestalten angewendet, die bekanntesten Beispiele 
rinden sich am Otto-Heinrichsbau zu Heidelberg, an welchem 
Palaste auch zahlreiche Karyatiden Vorkommen. Die Hermen 
der Renaissance sind männliche oder weibliche Gestalten, 
welche zunächst auf dem Kopfe einen capitälartigen Ansatz 
tragen, der ganze Oberleib ist menschlich, dann beginnt 
durch Vermittlung eines zierlich umgelegten und geknüpften 
Tuches der starre Untertheil, der aus einem sich nach unten 
zu verjüngenden Prisma sammt Fuss besteht. (Fig. 55.) 
Mit dem Losbrechen des vollen Zopfes erfährt die Dar­ 
stellung der menschlichen Figur eine vollständige Umge­ 
staltung, bald sind es naturalistisch gebildete Atlanten,
        

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