Full text: Problems in eugenics

A. Bluhm.Medicine and Eugenics.381 
liegt die Geburtshilfe noch heute einzig und allein in den Händen von Hebam 
men, die mehr Unglück anzurichten als zu verhüten scheinen. Trotzdem 
gebären die Chinesinnen der höheren Stände viel schwerer und schmerzhafter 
als diejenigen der niederen. Es erscheint mir wahrscheinlich, dass die 
grössere Schmerzhaftigkeit der Geburt z.t. auf einer grösseren Schmerzemp­ 
findlichkeit der Kulturvölker beruht, die wir nicht ohne weiteres als Entar­ 
tungszeichen auffassen dürfen, denn sie hängt möglicherweise bis zu einem 
gewissen Grade mit der höheren Entwicklung des Nervensystems zusammen,, 
welche die Kulturfähigkeit überhaupt bedingt. Es ist ausserordentlich 
schwer hier die Grenze zwischen aem “ noch Normalen und dem bereits 
Pathologischen ” zu ziehen. Auch die längere Geburtsdauer kann z.t. 
auf diese grössere Schmerzempfindlichkeit zurückgeführt werden, insofern 
als die ersten Wehen, welche zuweilen noch keine eigentlichen Geburts­ 
sondern Schwangerschaftswehen sind, von den Frauen der Naturvölker gar- 
nicht als solche empfunden werden. Bei den Kulturvölkern wird durch die 
Schmerzhaftigkeit solcher Wehen häufig eine lange Geburtsdauer vorge­ 
täuscht. Ebensowenig wie in dem Geburtsschmerz als solchem dürfen wir in jedem 
Fall, in dem ein gewisses räumliches Missverhältnis zwischen kindlichem 
Schädel und mütterlichem Becken besteht ohne weiteres ein Dokument der 
Entartung sehen. Das Dichterwort “ Es ist der Geist, der sich den Körper 
baut,” dürfte wohl in dem übertragenen Sinne Geltung haben, dass bis zu 
einem gewissen Grade die Entwicklung des Gehirns für die Grössenverhält­ 
nisse des Schädels massgebend ist. Die grösseren Schädelmassen der 
Kulturvölker sind vermutlich, eine Selektionswirkung langer Zeiträume. Es 
wäre nun sehr wohl denkbar, dass die weiblichen Becken sozusagen nicht 
genügend mitgewachsen sind, sich den vergrösserten Schädeln nicht ange­ 
passt haben. Eine solche verminderte Anpassung wäre aber keine Entar­ 
tung Leider fehlt es noch durchaus an genügenden, genauen Messungen 
der mütterlichen Becken und der Schädel der Neugeborenen bei primitiven 
Völkern, welche durch Vergleich mit den entsprechenden Massen bei den 
Kulturvölkern eine Entscheidung der inredestehenden Frage ermöglichen 
würden. Den Herren “ from over the sea,” aus dem Westen der V.S.A., 
aus Canada und Australien erwächst hier eine lohnende Aufgabe. Wenn 
dem Geburtshelfer die Vorstellung geläufig ist, dass sich die kindlichen 
Grössenverhältnisse denjenigen des mütterlichen Beckens anzupassen 
pflegen, und dass bei engen Becken kleine Kinder zu erwarten sind so 
spricht dies nicht gegen unsere Hypothese. Denn hier handelt es sich wohl 
zumeist nicht um eine eigentliche Anpassung, sondern das Kind hat eben 
die, namentlich mit ‘-'allgemein verengtem” Becken zusammentreffende 
kleine Statur der Mutter geerbt. Es erlebt denn auch der Arzt, der sich 
auf diese vermeintliche Anpassung verlässt, nicht selten sehr unangenehme 
Ueberraschungen, wenn der Vater des Kindes ein grösser Mann ist.
	        

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