Full text: papers communicated to the first International Eugenics Congress held at the University of London, July 24th to 30th, 1912

382Section IV.A. Bluhm. 
Dieses Beispiel lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen weiteren Faktor, 
der die Gebärfähigkeit der Völker ungünstig beeinflusst, nämlich die 
Rassen- bezw. Stammesmischung. Bei Mischlingsgeburten, bei denen der 
Vater im Verhältnis zur Mutter sehr gross ist, sind auch bei primitiven 
Völkern (z. B. Vater Aleute, Mutter Kamschadalin) Geburtsstörungen keine 
Seltenheit. Aber solche Mischlingsgeburten sind eben bei ihnen sehr viel 
seltener als bei den starkgemischten und in regem Verkehr miteinander 
stehenden Kulturvölkern. Auch in diesen Fällen können wir nicht eigentlich 
von Entartung sprechen. 
Immerhin bleibt bei Kulturvölkern eine sehr erhebliche Zahl von Fällen 
übrig, in denen es sich um einen pathologischen Geburtsverlauf im eigent­ 
lichen Sinne des Wortes handelt. Es fragt sich nun, inwieweit diese ver­ 
minderte Gebär fähigkeit individuell erworben sein kann, und inwieweit sie 
auf erblicher Anlage beruht, in wieweit somit die ärzliche Geburtshilfe ihrer 
weiteren Vererbung Vorschub leistet? Denn wenn durch die Kunst des 
Geburtshelfers eine Mutter mit stark verengtem Becken ein lebendes Kind 
zu Welt bringt, während sie ohne diese Kunst von einem toten Kinde 
entbunden worden wäre, so trägt unter der Voraussetzung der Erblichkeit 
der Beckendifformitäten, der Geburtshelfer zur Verbreitung der engen 
Becken bei. Wir können nun auf die obige Frage wie auf alle ähnlichen 
heute keine genaue ziffernmässige Antwort geben. Wir glauben aber sagen 
.zu dürfen, dass die schlechte Gebär fähigkeit mindestens ebenso oft ererbt 
wie erworben wird. Die Gebär fähigkeit ist im wesentlichen von zwei 
Momenten abhängig, nämlich von der austreibenden Kraft und dem sich 
ihr entgegenstemmenden Widerstande, oder anatomisch ausgedrückt: von 
der Beschaffenheit der Gebärmutter- (und Bauch-) Muskulatur einerseits und 
derjenigen des knöchernen Beckens und des Beckenbodens (perineum) 
andererseits. Beide F aktoren können durch eine unzweckmässige Lebensweise, vor 
allem durch mangelnde Bewegung übermässiges Sitzen oder Stehen ungün­ 
stig beeinflusset werden. Der Uterus gehört zwar zu den sog. unwillkür­ 
lichen Muskeln, die nicht bewusst geübt werden können wie die willkürliche 
Muskulatur (Arm-, Bein-, Rücken-, etc., Muskulatur); die Uebung der 
letzteren bleibt aber nicht ohne Einfluss auf die ersteren. Denn der Zu­ 
stand der willkürlichen Muskeln ist in hohem Grade vom Blutkreislauf 
abhängig, der seinerseits wiederum von der Körperbewegung abhängt. 
Damit mag es Zusammenhängen, dass die vornehmen Chinesinnen, die 
infolge ihrer Fussverkrüppelung zu fast stetem Sitzen verurteilt sind, ebenso 
wie die Malayinnen und Javanesinnen, die eine vorzugsweise sitzende Lebens­ 
weise führen, meist schwere Entbindungen haben. Köttnitz, der die 
Gesundheitsverhältnisse der sächsischen Industriearbeiterinnen studierte, 
sah das sog. “ platte Becken ” häufiger bei Frauen, die als Kind keine 
Rachitis gehabt hatten, aber mit 14 Jahren in Webereien eingetreten waren,
        

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