Full text: papers communicated to the first International Eugenics Congress held at the University of London, July 24th to 30th, 1912

A. Bluhm.Medicine and Eugenics.383 
wo sie anhaltend stehen mussten. Dies spricht dafür, dass auch das 
knöcherne Becken indirekt durch die Lebensweise beeinflusst wird. 
Andererseits steht es unzweifelhaft fest, dass sowohl das knöcherne 
Becken als auch der muskulöse Gebärapparat (wie das gesamte Muskel­ 
system) von erblichen Einflüssen abhängig sind. Wir kennen in Deutsch­ 
land ganze Landstriche, in denen wegen der mangelnden Nachgiebigkeit 
der Muskulatur sehr häufig die Zange angelegt werden muss. Seitz schätzt 
den Verlust an Kindesleben, den Deutschland jährlich durch “ primäre 
Weichteilschwierigkeiten ” erleidet, auf 16,000 = 25% sämtlicher Totge­ 
burten. Da nun die Geburtshilfe gerade diese Schwierigkeiten am leich­ 
testen zu überwinden imstande ist, so geht aus diesen Zahlen hervor, wie 
stark verbreitet dieselben in Deutschland (und vermutlich auch in den 
anderen Kulturländern) sind. 
Die Häufigkeit des engen Beckens wird für Deutschland auf 14-20% 
aller Mütter geschätzt. Solche Grade von Beckenenge, welche erhebliche 
Geburtsstörungen bedingen, werden nach Sonntag in 3-5% aller Geburten 
getroffen. Da das Material, das diesen Zahlen zu gründe liegt, den 
Entbindungsanstalten und Polikliniken entstammt, also eine ungünstige 
Auslese aus der Bevölkerung darstellt, so dürften die ersteren für das ganze 
Volk etwas zu reduzieren sein. Immerhin bleiben sie hoch genug. Dass 
das sog. “ allgemein-verengte ” Becken auf Erblichkeit beruht, ist über 
jeden Zweifel erhaben. Für das infantile ist Erblichkeit wahrscheinlich. 
Beide machen zusammen in Deutschland (in der Marburger Gegend) nach 
Ahlfeld mehr als 1/3 sämtlicher Beckendifformitäten aus. Weitere 55-60% 
der letzteren beruhen auf Rachitis. Da man nun heute, gestützt auf eine 
Reihe beweiskräftiger Tatsachen annimmt, dass die Disposition zu 
Rachitis vererbt wird, so dürfen wir sagen, dass bei mindestens 90% der 
durch das knöcherne Becken bedingten Geburtshindernisse die Erblichkeit 
eine Rolle spielen kann. Hieraus geht hervor, in wie weitem Umfang eine 
kurzsichtige ärztliche Geburtshilfe, die in allen Fällen unterschiedslos die 
Erhaltung nicht nur des mütterlichen, sondern auch diejenige des kindlichen 
Lebens als ihre Aufgabe betrachtet, imstande ist, zur zunehmenden 
Verschlechterung der Gebärfähigkeit beizutragen. 
Wie die gesamte Chirurgie so hat auch die Geburtshilfe mit der durch 
Ihren berühmten Landsmann, Lord Lister, eingeführten Antisepsis einen 
enormen Aufschwung genommen. Ich habe versucht an der Hand der 
Cadischen Statistik festzustellen, ob seit dieser Zeit bereits eine Abnahme 
der Gebärfähigkeit bemerkbar ist. (Tafei.) Dass die Zahl der Operationen 
von 4.38% der Geborenen in den Jahren 1871/79 auf 8.12% in den Jahren 
1900/07 gestiegen ist, das wäre an sich kein Beweis dafür; denn die 
Zahl der Operationen ist in hohem Grade von der Zahl der Aerzte abhängig, 
und diese hat sich in dem betreffendem Zeitraum beträchtlich vermehrt.
        

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